Dass ein Kreuzbandriss nicht nur eine Verletzung für untrainierte Skieinsteiger ist, beweist die stetige Verletzungsrate im alpinen Skirennsport. Während sich der Schweizer Ski-Star Justin Murisier schon während der Wettkampfvorbereitung in Neuseeland im August 2018 das vordere Kreuzband gerissen hat und den laufenden Weltcup-Winter komplett verpasst, endete auch für andere internationale Skirennläufer aus Österreich und Deutschland die aktuelle Wettkampfsaison mit der Diagnose Kreuzbandriss. Überhaupt findet man in der absoluten Weltspitze des Skirennsports kaum noch einen Athleten, der in seiner Karriere noch keinen Kreuzbandriss verschmerzen musste. Weltstars wie Marcel Hirscher sind da schon die absolute Ausnahme. Doch nicht nur Profis überschreiten regelmässig die Belastungsgrenze des Kniegelenks. Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) verletzen sich jährlich rund 76 000 Ski- und Snowboardfahrer auf Schweizer Pisten. Davon betreffen rund 36 % der Verletzungen das Knie. Die Ruptur des vorderen Kreuzbands wird dabei mit 38 % aller Knieverletzungen am häufigsten diagnostiziert (Brucker et. al, Alpiner Skibreiten- und Skileistungssport, 2014).

Abbildung 1: Illustration eines vorderen Kreuzbandrisses (©Arthrex)

Wir wagen daher einen kurzen Ausflug in die anatomischen Begebenheiten des Kreuzbands. Genau genommen enthält jedes gesunde Kniegelenk zwei Kreuzbänder. Um daher fachlich korrekt zu bleiben wird zwischen einem vorderen und einem hinteren Kreuzband unterschieden. Beide Bänder verbinden den Oberschenkel mit dem Schienbein in überkreuzter Weise, was letztlich auch die Namensgebung erklärt. Das vordere Kreuzband zieht von hinten aussen (Oberschenkel) nach vorne innen (Schienbein), das hintere Kreuzband gegenläufig. Die besondere Anordnung der beiden Bänder sorgt dafür, dass ein erhöhter, notwendiger Anpressdruck zwischen dem Ober- und Unterschenkel gewährleistet werden kann und schützt das Kniegelenk vor Überstreckung, sowie einem Überdrehen des Unterschenkels nach innen.

Doch warum reisst meist ausgerechnet das vordere Kreuzband (VKB)? Da die VKB-Ruptur sich nicht als eine typische Skieinsteiger- oder Skiprofiverletzung entpuppt, scheint das Fitnesslevel der Skifahrer nicht von übergeordneter Rolle zu sein. Vielmehr ist das Knie beim Skifahren generell hohen physikalischen und mechanischen Belastungen ausgesetzt. Heisst, dass besonders der Unfallmechanismus, sowie die einwirkenden Kräfte entscheidend für den Grad der Verletzung sind. Das zeigt auch, dass typische Knieverletzungen sich nicht immer nur auf der Piste zutragen, sondern sich auch beim Anstehen oder beim Ein-/Aussteigen am Lift ereignen, wenn es beispielsweise ohne auslösen der Skibindung zum Sturz kommt während der Unterschenkel vom Ski und Skischuh fixiert wird. Daher können drei mechanische Belastungsfaktoren als häufige Ursache einer VKB-Ruptur genannt werden:

  • Unterschenkel und Oberschenkel erfahren eine gegenläufige Rotation
  • Das Knie erfährt eine valgische Beinachse (X-Beinfehlstellung)
  • Eine Kombination aus den beiden erstgenannten Punkten, auf welche das Kniegelenk nicht ausreichend mit muskulärer Stabilisation reagieren kann.

Neben diesen drei Mechanismen ist jedoch auch die anatomische Beschaffenheit des vorderen Kreuzbands von Interesse. Während das hintere Kreuzband dicker als das vordere Kreuzband ist und auch als stärkstes Band des Kniegelenks gilt, welches erst bei einer Zugkraft von rund 80 Kilogramm reisst, so hält das vordere Kreuzband nur einer Belastung von rund 40 Kilogramm stand.

Neben den mechanischen Aspekten zählen aber auch besonders geistige und physische Ermüdung als ernstzunehmende Risikofaktoren. Wer kennt schliesslich nicht das Gefühl sich mit stark erschöpfter Muskulatur einen Weg durch die aufgeschobenen Schneehügeln auf der letzten Talabfahrt zu bahnen?

Was kann ICH daher schon vor dem ersten Skitag alles tun, um das Verletzungsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren? Das zu meinem Fahrverhalten passende Skiequipment (siehe auch Mass-Ski und Mass-Skischuh) inklusive der fachmännischen Einstellung der Skibindung gelten selbstverständlich als nicht zu verachtende Grundvoraussetzung. Doch besonders wer schon Wochen vor dem ersten Schnee aktiv wird, profitiert davon am Start der neuen Skisaison. Denn die aktive Kräftigung der Beinmuskulatur ist ein wichtiger Baustein für die Stabilisierung des Kniegelenks. Doch nicht nur die unmittelbare, kniegelenksumgebende Muskulatur sorgt für hohe Stabilität im Kniegelenk. So gilt ein Training der Beinaussenrotatoren (besonders des M. gluteus maximus (grosser Gesässmuskel)) als wichtige Massnahme zur Prävention eines Kneeing-In (die Bewegung in eine X-Beinfehlstellung). Zudem trägt auch die Kräftigung der gesamten Rumpfmuskulatur zu einer erhöhten Stabilität im Fahrverhalten und somit der Beinachsen bei. Neben der Reduzierung des Verletzungsrisikos gilt die muskuläre Kräftigung als wichtige Voraussetzung für eine sportliche und dynamische Skitechnik. Das allein sollte nun Anreiz genug sein, um für den nächsten Winter schon im Sommer aktiv zu werden 🙂

Häufig lässt sich eine mechanische Fehlstellung oder muskuläre Instabilität der Beinachsen auch schon beim normalen Gehen feststellen. Wie sich diese Faktoren bei höherer körperlicher Belastung entwickeln kann oftmals durch Joggen auf unterschiedlichen Geschwindigkeitsstufen simuliert werden. Haben Sie bereits eine gewisse Instabilität im Bewegungsablauf oder sind sich selbst über ihr Stabilitätslevel nicht ganz bewusst, kann dies mit Hilfe einer professionellen Lauf- und Ganganalyse sichergestellt werden. Anhand Ihres Bewegungsmusters können so hilfreiche Tipps für die Kräftigung und aktive Stabilisierung des Kniegelenks gegeben werden, damit Sie auf eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit Ihrem vorderen Kreuzband verzichten können.

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