Kürzere Kurbel – Vergänglicher Hype oder sinnvolles Upgrade?
Kürzere Kurbeln sind im Radsport längst mehr als nur ein kurzfristiger Trend. Während früher am Rennrad meist 175 mm oder 172,5 mm Kurbellänge Standard waren, greifen heute immer mehr Fahrer:innen zu 165 mm oder sogar 160 mm. Besonders im Zeitfahren und im Triathlon besteht dieser Trend schon länger, nun kommt dieser Wandel auch in den leistungsorientierten Rennradsport (1). Doch was steckt dahinter – und lohnt sich der Umstieg wirklich?
Welche Faktoren entscheiden über die optimale Kurbellänge?
Es gibt aktuell fast kein anderes Thema im Radsport das so vielseitig diskutiert wird. Profis wie Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar werden mit immer kürzeren Kurbeln gesichtet. Was sind die Beweggründe und kann ich das auf mein Setup übertragen?
Die Kurbellänge beschreibt den Abstand zwischen Tretlagerachse und Pedalachse. Klassische Längen bewegen sich zwischen 175 mm und 170 mm, kürzere Varianten beginnen bei 165 mm und reichen bis 160 mm oder kürzer (1). Lange Zeit galt die Faustregel: Grosse Fahrer:innen brauchen lange Kurbeln, kleinere Fahrer:innen kurze Kurbeln. Moderne Erkenntnisse aus der Biomechanik und Leistungsdiagnostik zeigen jedoch, dass diese Faustformel zu kurz greift. Entscheidend ist nicht nur die Körpergrösse, sondern vor allem Innenbeinlänge, Beweglichkeit der Hüfte, Fahrstil, Einsatzbereich und die Position auf dem Bike.

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Welche Vor- und Nachteile zeigen sich in der Praxis?
Ein zentraler Vorteil kürzerer Kurbeln liegt in der verbesserten Aerodynamik. Durch den kleineren Bewegungsradius steigt das Knie im oberen Totpunkt weniger stark an. Das bedeutet, dass die Hüfte weniger stark gebeugt wird und sich der Oberkörper tiefer positionieren lässt, ohne die Atmung oder Kraftentfaltung negativ zu beeinflussen (2). Gerade im Zeitfahren oder Triathlon, wo jede aerodynamische Optimierung mehrere Watt spart, kann dieser Effekt spürbar sein (3). Oft ist der aerodynamische Gewinn grösser als ein möglicher minimaler Verlust der Hebelwirkung.
Auch aus orthopädischer Sicht bieten kürzere Kurbeln Vorteile. Die reduzierte Hüft- und Knieflexion kann die Belastung auf die Gelenke und umliegenden Strukturen verringern. Durch den kleineren Tretkreis verändert sich zudem das Trittgefühl: Viele Athlet:innen empfinden die Bewegung als runder und kommen leichter auf eine höhere Kadenz (4). Da moderne Trainingskonzepte zunehmend auf Kadenz statt auf kraftbetontes «Drücken» setzen, passt dieser Effekt gut in alle Trainingsphilosophien.
Ein häufiges Gegenargument ist, dass durch die kürzere Kurbel die Hebelwirkung verloren geht und damit weniger Drehmoment erzeugt werden kann. Rein physikalisch ist das auch der Fall: Ein kürzerer Hebelarm reduziert das theoretische Drehmoment bei gleicher Krafteinwirkung. In der Praxis gleichen Fahrer:innen diesen Unterschied durch eine leicht erhöhte Kadenz oder eine angepasste Übersetzung aus. Studien zeigen, dass sich die maximale Leistungsfähigkeit bei moderaten Längenunterschieden kaum verändert (5). Für die meisten Hobby- und ambitionierten Rennradfahrer:innen ist ein Leistungsverlust praktisch nicht messbar.
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Individuelle Lösung statt Standardmass
Welche Kurbellänge die richtige ist, hängt stark von individuellen Faktoren ab. Die Innenbeinlänge ist dabei aussagekräftiger als die reine Körpergrösse. Zudem spielt die Beweglichkeit der Hüfte eine grosse Rolle, besonders wenn eine aggressive, aerodynamische Sitzposition angestrebt wird. Fahrer:innen mit einer hoher Trittfrequenz profitieren oft stärker von kürzeren Kurbeln, während sehr kraftorientierte Sprinter unter Umständen längere Hebel bevorzugen. Wer Klarheit möchte, sollte ein professionelles Bikefitting in Betracht ziehen, da hier Sitzhöhe, Beckenwinkel und Sitzposition ganzheitlich analysiert werden.
Beim Umstieg auf kürzere Kurbeln ist es wichtig, die Sitzhöhe leicht anzupassen, da sich der maximale Abstand zum Pedal verändert. Meist wird der Sattel um wenige Millimeter höher eingestellt. Zudem sollte man dem Körper zwei bis drei Wochen Zeit geben, sich an den veränderten Bewegungsradius zu gewöhnen (4).
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass kürzere Kurbeln im Radsport nicht nur ein kurzfristiger Hype sind, sondern eine sinnvolle Option mit klaren biomechanischen und aerodynamischen Vorteilen. Sie können die Sitzposition verbessern, Gelenke entlasten und eine höhere Kadenz unterstützen. Es lässt sich aber nicht pauschal sagen, welche Länge ideal ist. Wer leistungsorientiert fährt, Beschwerden minimieren möchte oder aerodynamisch optimieren will, sollte die kürzere Kurbelvariante zumindest testen. Wir unterstützen Sie gerne dabei, die optimale Kurbellänge für Ihr Setup zu finden. Buchen Sie dafür einfach Ihren Bikefitting Termin.
Blogbeitrag Stephan Häfliger, Sport- und Bewegungswissenschaftler
MSc ETH
Quellen:
- TOUR Magazin, abgerufen (02/2026) von https://www.tour-magazin.de/kaufberatung/komponenten/kurbeln/kurbellange-rennrad-was-bringen-kurze-kurbeln/
- Barratt PR, Martin JC, Elmer SJ, Korff T. Effects of Pedal Speed and Crank Length on Pedaling Mechanics during Submaximal Cycling. Med Sci Sports Exerc. 2016 https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000000817
- Sian Reynolds, Joel Chidley, Simon Briley & Tom Outram (04 Jun 2025): The impact of minor crank length adjustments on lower body cycling kinematics, Sports Biomechanics, https://doi.org/10.1080/14763141.2025.2511755
- Gran Fondo Magazin, abgerufen (02/2026) von https://granfondo-cycling.com/de/short-crank-curiosity/
- Barratt PR, Korff T, Elmer SJ, Martin JC. Effect of crank length on joint-specific power during maximal cycling. Med Sci Sports Exerc. 2011 Sep;43(9):1689-97. https://doi.org/10.1249/MSS.0b013e3182125e96
Bildquellen:
- Titelbild: www.swissbiomechanics.ch
- Scott SRAM
- www.swissbiomechanics.ch
- www.swissbiomechanics.ch
