Beinlängendifferenz und Beckenschiefstand: Wann ist ein Ausgleich sinnvoll?
Kein Mensch ist vollständig symmetrisch. Das betrifft auch unsere Beine. Nur ca. 10% der Bevölkerung haben die exakt gleiche Beinlänge, wobei bei einem Grossteil eine Beinlängendifferenz von weniger als 10 mm vorliegt (1). Ein Beckenschiefstand oder eine Beinlängendifferenz wird häufig als Ursache für Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen vermutet. Welche Beschwerden können wirklich auftreten und welche Interventionen sind relevant?
Was versteht man unter einer Beinlängendifferenz?
Grundsätzlich spricht man von einer Beinlängendifferenz, wenn beide Beine unterschiedlich lang sind oder funktionell unterschiedlich erscheinen (2). Beinlängendifferenzen unter 2 cm werden oft als Beckenschiefstand betrachtet, da in diesem Bereich ein funktioneller Unterschied einen grossen Einfluss auf die folgende Definition haben kann (2). Die Ursachen einer Beinlängendifferenz sind vielfältig. Neben Verletzungen, Operationen oder Unfällen können auch ganz einfach angeborene Veränderungen der Auslöser sein (3). Neuromuskuläre Erkrankungen können die Beinlänge ebenfalls beeinflussen (3).
(Bild 2)
Welche Beschwerden kann eine Beinlängendifferenz auslösen?
Eine Beinlängendifferenz kann zu einer seitlichen Neigung des Beckens führen, wodurch sich auch die Wirbelsäule seitlich verschieben kann (2). Dies kann Auslöser für eine Fehlhaltung sein oder auch Skoliosen (seitliche Verkrümmung und Verdrehung der Wirbelsäule) verstärken. Bei diagnostizierten Skoliosen werden häufig gleichzeitig Beinlängendifferenzen festgestellt (4).
Ab 1 cm Differenz kann auch das Gangbild beeinflusst werden (2). Mehrere Studien beschreiben ausserdem einen Zusammenhang zwischen einer Beinlängendifferenz und Rückenschmerzen, Beschwerden der unteren Extremitäten sowie degenerativen Veränderungen (1). Bereits Unterschiede von mehr als 5 mm werden mit einer Zunahme von Hüft- und Kniebeschwerden in Verbindung gebracht (1). Liegt die Beinlängendifferenz über 1 cm, erhöht sich das Risiko für Kniearthrose beidseitig (2), da die Gelenkmechanik und die Druckspitzen sich verändern (5).
(Bild 3)
Was für Interventionen sind möglich?
Eine Erhöhung der Ferse durch einen Keil oder über die Schuhsohle kann einen positiven Einfluss auf Beschwerden haben, gerade bei einem Unterschied ab 2 cm gelten diese Anpassungen als etablierte konservative Behandlungsmöglichkeiten (1). Es gibt auch Studien, die bereits bei einem Unterschied von 5 mm von positiven Effekten durch einen Beinlängenausgleich berichten (1). Nach einer Hüftprothesenoperation konnte gezeigt werden, dass ein vorübergehend eingesetzter Fersenkeil die funktionelle Beinlängendifferenz positiv beeinflussen kann (6).
Bei Kindern wird bei der Messung der Beinlängendifferenz immer nur der aktuelle Entwicklungsstand dargestellt, da das Wachstum noch nicht abgeschlossen ist (2). Der Ausgleich ist also immer individuell zu beurteilen, da auch andere Interventionen möglich sind (2).
Eine Beinlängendifferenz muss aber kein Grund dafür sein, dass der Sport vernachlässigt wird. Selbst Usain Bolt, der schnellste Mensch aller Zeiten, hat eine Beinlängendifferenz von circa 1.3 cm. Höchstleistungen sind also auch mit unterschiedlich langen Beinen erreichbar (1).
(Bild 4)
Individueller Ausgleich
Ist ein Ausgleich sinnvoll, kann die Erhöhung direkt über die Einlage oder einen massgefertigten Schuh umgesetzt werden.
So lässt sich die Beinlängendifferenz gezielt und individuell ausgleichen. Die passende Lösung hängt dabei immer von der Ursache und dem Ausmass der Differenz ab.
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Wir analysieren Ihre Körperstatik und beraten Sie individuell zur passenden Versorgung.
Blogbeitrag Yves Jäggi, Sport- und Bewegungswissenschaftler
MSc UNIBAS
Quellen:
- Gordon, J. E., & Davis, L. E. (2019). Leg Length Discrepancy: The Natural History (And What Do We Really Know). Journal of pediatric orthopedics, 39(Issue 6, Supplement 1 Suppl 1), S10–S13.
- Vogt, B., Gosheger, G., Wirth, T., Horn, J., & Rödl, R. (2020). Leg Length Discrepancy- Treatment Indications and Strategies. Deutsches Arzteblatt international, 117(24), 405–411.
- Althobaiti, M. S., Aloraini, L. I., Alamri, S., Binsaddik, O. K., Alobaysi, Y. M. Y., Alabdulrahman, F. K., Al Shahrani, O. A. S., Al-Awn, R. M. M., & Shafiy, G. A. (2024). Updates in the Management of Leg Length Discrepancy: A Systematic Review. Cureus, 16(6), e62599.
- Colonna, S., Casacci, F., & Borghi, C. (2024). Scoliosis and Lower Limb Inequality: To Lift or Not to Lift, That Is the Question. Cureus, 16(4), e58443.
- Khamis, S., & Carmeli, E. (2018). The effect of simulated leg length discrepancy on lower limb biomechanics during gait. Gait & posture, 61, 73–80.
- Nakanowatari, T., PhD Pt, Suzukamo, Y., PhD, & Izumi, S. I., PhD Md (2016). The Effectiveness of Specific Exercise Approach or Modifiable Heel Lift in the Treatment of Functional Leg Length Discrepancy in Early Post-surgery Inpatients after Total Hip Arthroplasty: A Randomized Controlled Trial with a PROBE design. Physical therapy research, 19(1), 39–49.
Bildquellen:
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