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Carbonschuhe im Faktencheck

1:59:59h – diese Marke stellte lange Zeit eine der scheinbar letzten unüberwindbaren Schwellen im Laufsport dar. Trotz stetiger Verbesserungen und neuen Rekorden in den vergangenen Jahrzehnten, so erschien es doch schier unmöglich, dass ein Mensch 42,195 Kilometer, die Marathondistanz, unterhalb 2 Stunden laufen könne. Doch was 2019 bereits in einem inoffiziellen Event dem Olympiasieger Eliud Kipchoge unter „Laborbedingungen“ gelang, ist seinem kenianischen Landsmann Sabastian Sawe am 26.04.2026 in London nun erstmals in einem offiziellen Wettkampf geglückt. Zudem unterbot auch der Zweitplatzierte Yomif Kelejcha den vorherigen Weltrekord und blieb ebenfalls unter der magischen 2-Stunden-Marke. Auch bei den Damen wurde der Weltrekord in den letzten drei Jahren zweimal neu aufgestellt und zeigte ebenso einen massiven Leistungssprung. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie es zu dieser rasanten Entwicklung in den vergangenen Jahren kommen konnte?

Ursachen für die neuen Rekorde

Neben gezielterer Trainingssteuerung und professionelleren Trainingsbedingungen, welche ebenso einer permanenten Optimierung unterliegen, so herrscht in Fachkreisen weitestgehend Einigkeit, dass oben beschriebene Rekordzeiten ohne die Weiterentwicklung im Laufschuhbereich nicht möglich gewesen wären. Die dafür verantwortlichen Modelle, unter dem Begriff Carbon- oder Superschuhe bereits vielen Läufer:innen geläufig, zeichnen sich charakteristisch zunächst durch drei Merkmale aus: ihr extrem leichtes Gewicht, ihre auffällig hohen Sohlen und eine Carbonplatte, welche in die Zwischensohle eingebettet ist.

(Bild 2)

Während die Wirkung des leichteren Gewichts noch selbsterklärend ist, so spielen bei den anderen beiden Faktoren tiefere biomechanische Grundprinzipien eine Rolle:

Die Carbonplatte zeichnet sich durch ihre hohe Steifigkeit aus. Dadurch verändert sich die Bewegung des Fusses beim Abrollen sowie die Kraftübertragung im Vorfussbereich. Dies beeinflusst die Hebelverhältnisse rund um das Sprunggelenk und kann den Lauf effizienter machen (1). Dies kann eine Auswirkung auf das Drehmoment im Sprunggelenk haben, welches sich aus dem Hebelarm und der Kraftaufbringung der Wadenmuskulatur ergibt und eine wichtige Rolle für die Antriebskraft beim Laufen spielt.

Vermutlich noch entscheidender sind allerdings die speziellen Schäume, welche für eine deutlich erkennbare Erhöhung der Zwischensohle sorgen. Diese absorbieren beim Aufsetzen des Fußes einen Anteil der Energie, sodass die Muskulatur weniger Energie für die Stoßdämpfung aufbringen muss. Besonders auf längeren Strecken kann dies helfen, Ermüdungserscheinungen hinauszuzögern. Zusätzlich gibt das Material einen Teil der aufgenommenen Energie beim Abdruck wieder zurück – ein Effekt, der bei klassischen Laufschuhen deutlich geringer ausfällt. Der Körper, hierbei insbesondere die Wadenmuskulatur, wird somit auch beim Fußabdruck entlastet, was ebenfalls für eine verzögerte Ermüdung sorgt (2).

Durch diese Effekte benötigt der Körper beim Laufen weniger Energie. Vereinfacht gesagt: Für dieselbe Geschwindigkeit muss weniger Sauerstoff und Muskelarbeit aufgewendet werden. Dadurch kann das Tempo länger gehalten werden. Hierbei hat eine Meta-Analyse, welche die Ergebnisse aus 14 Studien miteinander verglichen hat, ergeben, dass etwa 2-3% an metabolischen Kosten eingespart werden können (3). In einzelnen Studien konnten Spitzenläufer:innen sogar bis zu 4% an Energiekosten einsparen (2), was auf Weltklasse-Niveau einen signifikanten Unterschied ausmacht.

Carbonschuhe – Bestzeiten für alle?

Nun stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob jede:r Läufer:in von einem entsprechenden Effekt profitieren kann.

Während der erste derartige kommerziell verfügbare Schuh schon bereits in den 1990er Jahren erschien, so stellen sie mittlerweile einen gewohnten Anblick an den Füßen ambitionierter Amateurläufer:innen bei diversen Laufveranstaltungen auf der ganzen Welt dar. Hierbei gilt es jedoch zu beachten, dass sich die starke Wirkung des Carbonschuhs in Studien vor allem erst bei höheren Geschwindigkeiten, sprich bei etwa 4:10 min/km und darunter, entfalten. Bei niedrigeren Geschwindigkeiten sind die Auswirkungen deutlich geringer (4). Ein Großteil der Freizeitläufer:innen rollt zudem über die Ferse ab. Dabei können die natürlichen Federmechanismen von Achillessehne und Fuss nicht im gleichen Ausmass genutzt werden wie bei schnelleren Läufer:innen, die zwangsläufig über den Vorfuss laufen. Sprich: Carbonschuhe empfehlen sich zunächst für Läufer:innen, die diese hohen Geschwindigkeiten dauerhaft aufrechterhalten können, um einen entsprechenden Benefit überhaupt zu generieren.

(Bild 3)

Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass Carbonschuhe ein erhöhtes Verletzungsrisiko für manche Läufer:innen nach sich ziehen können (5). Die Beanspruchung der Achillessehne und des Mittelfußes ist durch die veränderten Hebelarme erhöht und kann im schlimmsten Fall zu Überlastungsverletzungen führen. Des Weiteren ist die empfohlene Tragedauer von Carbonschuhen deutlich reduziert, sie liegt mit bis zu 300 deutlich unter den etwa 800 Laufkilometern, die die meisten Hersteller bei herkömmlichen Laufschuhen angeben. Der Kauf eines Carbonschuhs sollte also wohl überlegt sein, um möglichen Enttäuschungen und überhöhten Erwartungshaltungen vorzubeugen.

Neben dem Schuh lassen sich für die meisten Läufer:innen weitere Ansatzpunkte finden, über welche die Laufökonomie verbessert und womöglich ein Weg zur neuen Bestzeit geebnet werden kann. Hierzu kann sich etwa eine Laufstilanalyse oder eine 3D-Laufanalyse anbieten, um einen genaueren Einblick in das individuelle Bewegungsmuster zu erhalten. Und für alle, die dennoch am Schuh ansetzen möchten, bietet sich eine Laufschuhberatung an, bei der ein passender Kompromiss zwischen Leistungssteigerung und Stabilität gefunden werden kann.

(Bild 4)

Weitere Informationen zu der Laufschuhberatung finden Sie hier

Blogbeitrag Dr. sc. hum. Arik Musagara, Sport- und Bewegungswissenschaftler 
Universität Heidelberg

Quellen:

  1. Willwacher S, König M, Braunstein B, Goldmann JP, Brüggemann GP. The gearing function of running shoe longitudinal bending stiffness. Gait Posture. 2014 Jul;40(3):386-90. 
  2. Hoogkamer W, Kipp S, Frank JH, Farina EM, Luo G, Kram R. A Comparison of the Energetic Cost of Running in Marathon Racing Shoes. Sports Med. 2018 Apr;48(4):1009-1019. doi: 10.1007/s40279-017-0811-2. Erratum in: Sports Med. 2018 Jun;48(6):1521-1522. 
  3. Kobayashi EN, de Toledo RRF, de Almeida MO, Sprey JWC, Jorge PB. Metabolic effects of carbon-plated running shoes: a systematic review and meta-analysis. Front Sports Act Living. 2026 Jan 9;7:1710224.
  4. Joubert DP, Dominy TA, Burns GT. Effects of Highly Cushioned and Resilient Racing Shoes on Running Economy at Slower Running Speeds. Int J Sports Physiol Perform. 2023 Jan 10;18(2):164-170.
  5. Tenforde, A., Hoenig, T., Saxena, A. et al.Bone Stress Injuries in Runners Using Carbon Fiber Plate Footwear. Sports Med 53, 1499–1505 (2023).

 

Bildquellen:

  1. Titelbild: www.montanasport.ch

  2. www.montanasport.ch

  3. www.depositphotos.com

  4. www.swissbiomechanics.ch

8. Juni 2026